Kulturtipp: Die Erfindung der Romantik

29. April 2006 von stylist  
Kategorie Kultur & Zeitgeist

Seltsam, dass Caspar David Friedrich die Menschen, die er malte, oft von hinten zeigte. Sie erscheinen mir häufig, wie Wanderer zwischen den Welten, stehen sie doch zum Beispiel auf einem Berg und blicken auf ein wolkenverhangenes Tal, wie auf dem Plakat zur Ausstellung im Essener Folkwang Museum. Was mich immer schon ein wenig wunderte, der Mann auf dem Bild scheint schon länger auf dem Berggipfel zu stehen und die Wolken anzusehen. Vielleicht hofft er, dass der Wind den Nebel davon bläst und er endlich einen Blick ins Tal werfen kann. Er selbst ist gut zu erkennen, er steht über den Nebelschwaden. Man kann das ganze auch anders herum sehen, aber für mich scheint unter ihm eine ganz andere Welt zu liegen, die unsichtbar ist. Die Unerreichbarkeit dieser idealen Welt scheint das Problem der hoffnungslosen Romantiker zu sein.

Allgemein bezeichnet man die Zeit zwischen 1795 und 1848 als Romantik. Aber auch heute lassen sich viele Züge dieser Richtung, diese Sehnsucht, in Kunst, Musik und Literatur erkennen. Die Romantik weint vergangenen Zeiten und Welten nach, die es eigentlich nie gegeben hat. Viele Schriftsteller und Künstler entwarfen ihr eigenes Bild des Mittelalters, in dem die Zwerge noch hinterhältig, die Feen weise und die Prinzessinen rein und zart waren. Die Gebrüder Grimm sammelten Märchen und Volkssagen, E.T.A. Hoffmann schrieb von Geistern und Caspar David Friedrich malte eben Menschen, die lieber in andere Welten schauen wollten, als ihren Blick für Probleme der Gegenwart zu schärfen.
Heute haben wir zwar die Romantik hinter uns, ich kenne aber genügend Leute, die ihre Wochenenden als Feen, Kobolde oder Ritter verkleidet im Wald verbringen oder die Bücher von J.R.R. Tolkien verschlingen. Letztendlich sieht der Romantiker den einzigen Fluchtweg aus einer sich immer schneller wandelnden Realität im Tod. Die Gruppe Rammstein besingt Engel mit einer erschütternden Todessehnsucht ähnlich wie Johannes Brahms zuvor das Jenseits in seinem Deutschen Requiem als “lieblich” beschreibt. Hinter den härtesten Typen stecken oft die größten Romantiker. Ich stelle mir die harten Jungs von Rammstein hoch oben auf diesem Berg vor, von wo aus sie in die Wolken blinzeln, weil sie irgendetwas von der verwunschenen Welt da unten sehen möchten aber leider nicht könne.
Auch für Realisten geeignet: Die Erfindung der Romantik – Ausstellung im Museum Folkwang 5. Mai bis 20. August 2006

Bild: © by Sunny6 / Pixelio

Artikel mit anderen teilen:
  • Twitter
  • Facebook
  • del.icio.us
  • Technorati
  • FriendFeed
  • Digg
  • email

Schreib Deine Meinung

Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes